Deutsch ist Amtssprache

Deutsch ist Amtssprache

Interview-Reihe “Sprachbarrieren im privaten und beruflichen Alltag” Teil 6

 

“Deutsch ist Amtssprache”

 

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von Olga, 25, Deutsche, geboren in Omsk, Russland, lebt in Rastede.

1. Haben Sie Fremdsprachenkenntnisse? Wenn ja, welche Sprachen sprechen Sie und wie gut?

„Meine Muttersprache ist deutsch. Mit meiner Familie spreche ich größtenteils russisch, ich kann russisch lesen aber das Schreiben habe ich nie richtig gelernt. Dazu kommen 9 Jahre Schulenglisch und 7 Jahre Schulfranzösisch.“

2. Welchem Beruf gehen Sie aktuell nach? Was sind vornehmlich Ihre Aufgaben?

„Ich bin Justizfachwirtin und arbeite beim Amtsgericht. Justizfachwirte nehmen büroorganisatorische, verwaltende und rechtsanwendende Aufgaben wahr und sind überwiegend in Serviceeinheiten in den Fachgebieten Strafrecht, Zivilrecht, Nachlass, Insolvenzen, Zwangsvollstreckung, Familienrecht, Grundbuch, Register, Vormundschaft und Betreuungen bzw. in verwaltungs-, arbeits- oder sozialgerichtlichen Verfahren tätig. Sie sind darüber hinaus auch Ansprechpartner für ratsuchende Bürgerinnen und Bürger und berücksichtigen deren besondere Situation und Interessen. Das mache ich.“

3. Wo stoßen Sie in Ihrem beruflichen Alltag auf Sprachbarrieren?

„Regelmäßig werde ich mit Besuchern, Briefen, Emails oder Anrufern konfrontiert, mit denen sich eine Kommunikation äußerst schwierig gestaltet aufgrund derer unzureichenden Deutschkenntnisse. Da steht man manchmal etwas hilflos da. Zumal die Amtssprache deutsch ist und ich nicht befugt bin, in einer anderen Sprache, die beide beherrschen – in den meisten Fällen englisch – zu sprechen. Es kommt sogar vor, dass Anträge abgewiesen werden müssen aus rein sprachlichen Gründen.“

4. Wie groß ist der Anteil Ihrer fremdsprachlichen Klienten?

„Ich würde sagen, im Allgemeinen wohl um die 5% der reinen „Laufkundschaft“. Der Anteil derer, die einen Antrag aufnehmen, liegt da schon eher bei 30%.“

5. In wieweit unterscheiden sich „typisch deutsche“ Gepflogenheiten zu anderen Nationalitäten, denen Sie in Ihrem beruflichen Alltag begegnen?

„Deutsche Bürger kommen bereits wegen kleinerer Vergehen ins Amtsgericht. Hier geht es meist um Dinge wie Stalking oder Ähnliches, also Einschränkungen des Lebens, aber keine Handgreiflichkeiten. Die Klienten mit ausländischen Wurzeln finden den Weg ins Amtsgericht dagegen in den meisten Fällen erst viel später, wenn es bereits schwerwiegende körperliche Angriffe gegeben hat. Dies jedoch zu analysieren, würde hier zu weit führen.“

6. Wünschen Sie sich manchmal einen Übersetzer oder Dolmetscher zur Seite?

„Wie gesagt, da die Amtssprache deutsch ist, darf ohnehin nur auf deutsch kommuniziert werden. Es kommt aber häufig vor, dass kurzfristig ein Dolmetscher zum Amtsgericht bestellt wird, um zu übersetzen. Diese Einsätze sind meist sehr spontan und zu allen möglichen Tageszeiten, daher gestaltet es sich manchmal schwierig. Die Dolmetscher die wir einsetzen, müssen allgemein beeidigt und ermächtigt sein.“

7. Haben Sie ein paar sprachliche Patzer auf Lager, die Sie sich geleistet haben?

„Wenn ich mich in russischer Gesellschaft befinde, dann werde ich oft darauf aufmerksam gemacht, welch starken deutschen Akzent ich habe wenn ich russisch spreche. Die finden das dann sehr amüsant. “

8. Reisen Sie gern? Welche Länder haben Sie bereits bereist und wohin würde es Sie noch ziehen?

„Ja, bisher war ich in England, Holland, Luxemburg, der Schweiz, Österreich, Italien, Russland, Griechenland und in der Ukraine. Ich würde wahnsinnig gerne mal in die USA reisen. So einen richtigen Ost bis Westküste – Trip machen. Das muss toll sein!“

9. Was sind Ihre persönlichen Erfahrungen damit, eine Fremdsprache zu erlernen?

„Für die schulische Spracherziehung habe ich leider keine lobenden Worte. Ich finde, dass die Eingeschränktheit des Schulsystems – vor Allem was das Lernmaterial angeht – eine Motivation der Schüler verhindert. Nach einem London-Aufenthalt vor Beginn des Englischunterrichts in der Schule war ich derart motiviert und kannte sogar schon einige Wörter. Ich war voller Elan, aber das gab sich nach kurzer Zeit leider wieder, als sich herausstellte, dass der schulische Unterricht sich nur ums Vokabeln pauken und Grammatik lernen dreht. Dazu muss man auch noch Bücher lesen, die altbacken und langweilig sind. Es geht nicht darum, tatsächlich in der Sprache kommunizieren zu können und das ist sehr schade. Der Französischunterricht gestaltete sich ähnlich. Wenn man etwas falsch sagt, wird man auch noch ausgelacht, weil niemand gelernt hat, dass es okay ist Fehler zu machen, wenn man gerade eine Fremdsprache lernt. Hauptsache man spricht. Ich halte die schulische Sprachausbildung für äußerst unpraktikabel und wünsche mir manchmal, ich hätte doch noch ein Auslandsjahr eingeschoben.“

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