Interview-Reihe „Sprachbarrieren im privaten und beruflichen Alltag“ Teil 1

Interview-Reihe „Sprachbarrieren im privaten und beruflichen Alltag“ Teil 1

Interview-Reihe „Sprachbarrieren im privaten und beruflichen Alltag“ Teil 1

Interview-Reihe „Sprachbarrieren im privaten und beruflichen Alltag“ Teil 1

 

Als Sechzehnjährige saß ich am ersten Tag meines Schüleraustausches in den USA auf der Couch meiner Gasteltern, als meine Gastmutter Karen mir mit Nachdruck empfahl: „Wenn ein Junge dich etwas fragt und du verstehst die Frage nicht, sage nicht „Ja“!“ Ich muss immer noch schmunzeln wenn ich daran denke, aber im Endeffekt hatte sie ja so Recht und dieser Ratschlag lässt sich auf so viele andere Situationen übertragen, wenn man in einem fremden Land eine fremde Sprache spricht. In jedem Fall liefert dieser Satz die perfekte Einleitung für mein neues Projekt, eine Interview-Reihe zum Thema „Sprachbarrieren und interkulturelle Unterschiede“. In den kommenden Wochen und Monaten werde ich Leute befragen, wie ihre Erfahrungen mit Fremdsprachen sind und waren und diese mit Ihnen teilen. Ich hoffe, dass Sie die Blogs mit großem Interesse verfolgen werden. An dieser Stelle bedanke ich mich jetzt schon für die Freiwilligen, die sich bereit erklärt haben, Ihre Erfahrungen zu teilen. Haben Sie Interesse an einem Interview? Dann melden Sie sich gerne bei mir (http://www.sprachbaendiger.de/kontakt/).

Hier kommt der erste Beitrag:

„Doof ist taub“

von Iris, 52, Deutsche, aktueller Wohnsitz Lelystad, Niederlande.

1. Haben Sie Fremdsprachenkenntnisse? Wenn ja, welche Sprachen sprechen Sie und wie gut?

„In der Schule hatte ich acht Jahre Englischunterricht, kann aber leider nicht gut englisch sprechen. Niederländisch kann ich mittlerweile gut sprechen, ich wohne seit drei Jahren in den Niederlanden.“

2. Welchem Beruf gehen Sie aktuell nach?

„Ich bin selbstständig und arbeite hier als Haushaltshilfe bei verschiedenen Personen. In meinem erlernten Beruf habe ich keine Arbeitsstelle bekommen.“

3. Wo stoßen Sie in Ihrem beruflichen und/oder privaten Alltag auf Sprachbarrieren?

„Vor allem bei Telefonaten ist es schwierig alles zu verstehen und schnell gut zu reagieren. Außerdem sind  auch Menschen, die zu schnell oder undeutlich sprechen häufig nicht gut zu verstehen. Es gibt auch Sprüche oder Redewendungen, die man nicht in einem Wörterbuch findet. Bei Behörden aber auch beim Arztbesuch ergeben sich häufiger Schwierigkeiten.“

4. Wie groß ist der Anteil Ihrer fremdsprachlichen Kunden/den Menschen mit denen Sie arbeiten?

„Ich lebe und arbeite mit niederländischen Menschen.“

5. In wieweit unterscheiden sich „typisch deutsche“ Gepflogenheiten zu den niederländischen? Wie wichtig ist interkulturelle Kompetenz?

„Es ist wichtig sich mit den kulturellen Gegebenheiten auseinanderzusetzen. Mit Respekt und echtem Interesse erfährt man viel und wird offen angenommen.“

„Auch die Vergangenheit der beiden Länder sollte man wissen. Zum Beispiel gibt es einen Gedenktag für den letzten Krieg.“

„Das Königshaus bedeutet viel und ist für Deutsche doch eher unbekannt.“

„In den Niederlanden wird sehr schnell geduzt. Zum Beispiel wurde ich in meiner zweiten Mail vom Arbeitsamt mit meinem Vornamen angeredet. Ich erfuhr erst später, dass man aber doch erst fragen soll, ob das duzen in Ordnung ist. Vor allem ältere Menschen siezt man meistens. Das die eigenen Eltern gesiezt wurden, ist noch nicht lange her ( ca. 30 Jahre).“

„Natürlich ist die Begrüßung mit den drei Küsschen wichtig, wird aber meist nur bei guten Freunden oder in der Familie durchgeführt.“

„Bei Einladungen ist es Sitte, dass man sich an die Zeiten hält. Zum Beispiel, wenn man zum Kaffee eingeladen wird, muss man vor sechs Uhr gehen, da viele Niederländer um sechs Uhr abends warm essen. Nur bei einer ausdrücklichen Einladung bleibt man zum Essen. Runde Geburtstage gibt es auch andere Sitten. Eine die ich sehr schön finde ist, dass allen Familienangehörigen zum Geburtstag gratuliert wird. Es kann auch schon einige Tage vorher gefeiert werden. Abends um 20 Uhr gibt es noch Kaffee und Torte.“

6. Wünschen Sie sich manchmal einen Dolmetscher oder Übersetzer zur Seite? Gab es schon einmal die Situation, dass Sie eine Übersetzung benötigten?

„Zu Beginn war ich froh, wenn ich vor allem bei Behördengängen jemanden dabei hatte, der übersetzen konnte. Ohne diese Hilfe wäre es sicher verkehrt gelaufen. Es gab einige schwierige Situationen. Auch beim Arzt ist eine Übersetzung wichtig.“

7. Haben Sie ein paar sprachliche Patzer auf Lager, die Sie sich geleistet haben? Interkulturelle Fettnäpfchen nehme ich auch gern.

„Ja die lustige Seite ist sehr wichtig!“

„In Niederländisch heißt eine offene Arbeitsstelle: vacature. Urlaub heißt: vakantie. Ich habe das verwechselt und mein Partner meinte, dass es nicht so erfolgreich wäre wenn ich mich direkt für den Urlaub bewerbe.“

„Beim Jugendamt habe ich mich auch beworben und wollte schreiben, dass ich sehr damit beschäftigt bin niederländisch zu lernen. Das heißt auf Niederländisch: druk bezig. Ich habe aber: drug bezig geschrieben. Auch das wird beim Jugendamt nicht so positiv gesehen, wenn man mit Drogen beschäftigt ist.“

„Auch beim Lernen neuer Worte gab es häufig etwas zu lachen. Aus: valkuil, val-kuil (Fallgrube) habe ich eine neue Vogelart gemacht: valk-uil (Falkeule).“

„Ich war sehr überrascht als eine Frau sagte: mein Mann ist doof. Aber dann wurde es schnell deutlich: doof ist taub.“

 9. Reisen Sie gern? Welche Länder haben Sie bisher besucht und welche Reiseziele haben Sie am Meisten beindruckt und warum? Wohin würden Sie noch gerne reisen?

Wir reisen sehr gerne!“

„Ich war in Frankreich, Norwegen, Schweden, Tunesien, Tschechien, Türkei, Malta, Bali, Ägypten, Indien, Italien, Griechenland und Mexiko.“

„Bali ist eine Trauminsel. Die Natur, die freundlichen Menschen, die Kultur, die Schönheit ist fantastisch.“

Indien ist beeindruckend durch das Himalayagebierge und natürlich auch durch die Kultur und spirituelle Ausdrucksweise.“

„Wir fahren in diesem Jahr nach Ladakh, ein besonderer Teil von Indien. Hier leben noch viele Tibeter und auch die alten Klöster sind gut erhalten.“

„Ein Wunschtraum ist noch eine Reise nach Peru. Die alte Kultur der Inkas interessiert mich sehr.“

10. Berichten Sie von Ihren lustigsten und/oder beeindruckendsten Erlebnissen zum Thema interkulturelle Unterschiede/Sprachbarrieren:

„Beim Erlernen einer neuen Sprache ist es auch wichtig zu lernen welche Sätze zweideutig sind. Das steht in keinem Wörterbuch, kann aber sehr peinlich sein. In den Niederlanden sollte man nicht sagen, dass man mit jedem klar kommt!( das wird sexuell verstanden).“

11. Ihr Rat, wie man Sprachbarrieren am besten meistert und interkulturelle Missverständnisse vermeidet bzw. wie man damit am besten umgeht:

„Sprachbarrieren kann man am besten meistern, in dem man sich immer wieder Hilfe holt und Fragen stellt, wenn man etwas nicht gut verstanden hat. Auch wenn es lästig oder peinlich zu sein scheint. Völlig umgehen kann man solche Schwierigkeiten nicht. Manchmal glaubt man alles gut verstanden zu haben und dann wird später deutlich, dass da doch Missverständnisse waren. Humor hilft da sehr und auch, dass nicht alles perfekt laufen kann.“

12. Was sind Ihre persönlichen Erfahrungen damit, eine Fremdsprache zu erlernen? Haben Sie ermutigende Wort oder Tipps für Leute, die gerne eine Sprache erlernen möchten?

„Humor und Lernwille sind die besten Hilfen.“

„Eine neue Sprache erlernt man am schnellsten, wenn man in dem Land ist, wo sie gesprochen wird. Wenn man die Sprache wirklich gerne sprechen will und mit den Menschen in ihrer Sprache kommunizieren will, hilft das sehr. Nur durch ausprobieren lernt man. Es hilft auch die Wörter wirklich nachzuahmen, ohne sich zu sehr an der Schriftsprache festzuhalten. Häufig werden die Buchstaben anders, als in der eigenen Sprache ausgesprochen.“

„Lustig oder interessant ist es auch, auf jeden Fall im niederländischen, Wörter zu suchen, die es im deutschen auch gibt. Manche Wörter haben die gleiche Bedeutung, manche ein bisschen anders, und manche bedeuten etwas vollkommen anderes.“

„Eine nicht so schöne Erfahrung ist, dass man sich besonders zu Beginn, manchmal sehr dumm vorkommt. Man kann sich noch nicht so gut ausdrücken, es fällt einem nicht das passende Wort ein und auch keine Umschreibung, das fühlt sich nicht immer gut an. Man braucht viel Geduld. Manche Fehler macht man doch eine längere Zeit. Da hilft es, wenn man Freunde hat die ermutigen.“

13. Sonstiges:

„Man kann noch so viel lernen, wenn man Spaß daran hat.“

„Mein Partner kann sehr viele Sprachen und wir erleben immer, dass die Menschen ganz erfreut, freundlich, wertgeschätzt und offen reagieren. Es lohnt sich wenigstens einige wichtige Begriffe zu lernen.“

Beitragsbild von Pixabay.com

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